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Thomas Kirchner - Autor


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MORD AM MEER    im Dezember auf      SkyKrimi

 

 

DER TURM  1 & 2  /  02. Januar 2015 /  ab 20:15 Uhr /  arte

 

 

DAS GEHEIMNIS IM MOOR  /  04. Januar 2015  /  23:15 Uhr  /  ZDFneo

 

 

 

 

Fernsehmacher der Welt, schaut auf Lübbenau

von Elmar Krekeler / DIE WELT

 

Seit sieben Fällen ermittelt Kommissar Krüger im Spreewald. Der "Spreewaldkrimi" hält allen internationalen Vergleichen stand. Fünf Gründe, einmal im Jahr öffentlich-rechtliches Fernsehen zu schauen.

 

1. Der Wald

Fangen wir mal mit der eigentlichen Hauptfigur an. Der Landschaft. Dem Wald, den Fließen, den Weihern, den Katen am Rand. Grenzland, Reibefläche von Sorben und Polen, von zweierlei Deutschen. Wer immer daran glaubt, die geographische Physiognomie einer Gegend würde sich eingraben in die Menschen, ihre Erzählungen prägen, ihr Sein, findet das gespiegelt in den Geschichten der "Spreewaldkrimis", in den neuen Legenden, die der Chefautor Thomas Kirchner in den Spreewald einschreibt, in den Bildern, den Erzählstrukturen der jetzt sieben Fälle des Kommissars Torsten Krüger.

Der Spreewald ist ein magisches Feld, ein Labyrinth. Es dampft, Nebel weht auf, verwischt die Grenzen, verwischt die Zeiten. Doppelgänger scheinen möglich, all das romantische Zeug – mit den Toten reden und so. Sehr deutsch ist das. Natürlich. Neoschwarzromantisch, voll Märchen und Mythen, Fläche für Traumen und Träume.

Diese Landschaft macht alles möglich, enthebt die Geschichten vom Realismuszwang. Macht die Begegnungen mit todessehnsüchtigen Undinen möglich, fiebrigen Parsifalen, übermenschengroßen Verlierern, dunklen Göttern. Der Spreewald ist für Deutschland, was der Bayou für die amerikanischen Südstaaten ist. Ein (hoffentlich) unerschöpfliches Rückhaltebecken guter, glühender Geschichten.

 

2. Die Geschichten

Da ist zum Beispiel die Frau, die durch einen Wald läuft. Es ist Nacht, es nebelt. Irgendwo schreit was, und es ist kein Kauz. Sie kommt zu einem Wasser. Erleichterung huscht über ihr Gesicht, in dem blaue Augen herumgeistern, wie sie selbst eben noch zwischen den Bäumen herumirrte. Sie geht ins Wasser. Sie geht und geht. Und dann – als habe sie etwas verschluckt – ist sie weg.

So geht "Die Tote im Weiher" los, der siebte Fall für Kommissar Torsten Krüger. Der eigentlich keiner ist, weil Carola (Anna Maria Mühe) ja freiwillig zum Weiher floh. Die schuldbeladene Schlafwandlerin, die sich die Schuld gibt am Tod ihres Babys, das starb, als sie im Regen und in der Dunkelheit gegen einen Alleebaum raste, die nicht loskommt vom Schuldhaben.

Und dann sieht man einen andern träumen. Er ist der neue Star der Lokalpolitik. Ein Populist, sagen die Gegner. Er will die Bauern schützen davor, dass sie ausgeraubt werden von Banden, die über die offene Grenze kommen und ganze Fuhrparks mitnehmen. Er will ganz nach oben (seine Frau will das vor allem) und träumt, dass er bei einer Jubelveranstaltung mit Historienspektakel abgestochen wird.

So geht das immer im Spreewaldkrimi. Ein Glück wird gezeigt, ein großes Glück ganz gern gegen alle Wahrscheinlichkeit. Und dann wird es zerstört, zuschanden geritten. Und etwas dagegen gesetzt, aktuelle Politik zum Beispiel, das Erbe der DDR. Geschichten verweben sich. Die sorbische Mythologie mischt sich ein, lokale Geschichtsschreibung. Die Menschen verzweifeln an sich, an allem, kommen aus dem Labyrinth ihrer Leben nicht mehr heraus. Es kann ihnen keiner helfen.

Vergangenheit und Gegenwart verknäueln sich, verbünden sich gegen die Zukunft. Elegien großer Liebenden sind das, archaische Tragödien eines zeitlosen Heute. Geschichten, deren Ende man meist am Anfang schon kennt, die einen angreifen, ergreifen, die man nicht vergisst.

 

3. Der Kommissar

Torsten Krüger wohnt am Wehr, wo sich alles staut. Draußen lebt er, weil er nicht dazu gehört, ein Fremdling ist. Krüger kommt aus dem Westen. Er wollte auch mal weg, saß schon auf gepackten Koffern. Kommt aber nicht fort. Weil sich all das in ihn eingefressen hat.

Weil das Gewirr der Fließe seinem Denken entspricht, seinem Wesen. Weil er genau hier hin gehört. Und weil Christian Redl mit seiner ganzen Nosferatuhaftigkeit, mit der er – ein fahler Mond von Gesicht über einem schwarzen Trench – auf seinem schwarzen Schiff durch die Fließe fährt, nirgends jemals besser hingehört hat. Selbst ein Gespenst, einer, der ein Leben hinter sich hat, mit sich herumschleppt, dessen Geschichte sich langsam lichtet wie der Nebel im November überm Wasser. Der "Spreewaldkrimi" ist auch das Musterbeispiel eines perfekt eingesetzten horizontalen Erzählens.

Er ermittelt wie das Wasser fließt. Er findet was, ihn stört was. Und dann lässt er sich ein in den Strom der Zeiten, der Geschichten. Wie ein Rhizom wuchert es in ihm weiter, die Vermutungen, die Ahnungen über das, was geschah. Und an seinem Gesicht, dem maskenhaften, schroffen, kann man das erkennen. Er lässt die Toten nicht allein. Er gibt ihnen ihre Geschichte wieder. Torsten Krüger ist der größte Einfühler des deutschen Krimis.

Seinem eigenen Glück verweigert er sich. Vielleicht, weil ihn Thomas Kirchner in Geschichten steckt, in denen großes Glück stets in eminenter Verzweiflung endet. In die Geschichte von Carola und Karsten und der kleinen Marie zum Beispiel, die durch die Windschutzscheibe flog, weil zwei Menschen von ihrem Weg abkamen. Torsten Krüger ist eine Figur, wie sie – da sind wir jetzt mal arrogant – das amerikanische Fernsehen an menschlicher Tiefe nicht in hundert Jahren hinbekäme.

 

4. Die Dramaturgie

Eine Empfehlung für "Spreewaldkrimis" vorweg. Man sollte sich sonst nichts vornehmen, das Telefon klingeln lassen. Einfach sitzen bleiben. Sonst verpasst man was. Thomas Kirchners Geschichten schlagen nämlich gerne Haken, fangen irgendwo an, dann werden sie von der Vergangenheit eingeholt, erzählen da ein bisschen was, springen wieder zurück ins Jetzt, die Geschichten verfolgen sich, überlappen sich, wuchern auf allen Ebenen allmählich zusammen. Es sind versponnene Wurzelwerke, aus denen Kirchners Tragödien wachsen. War man mal weg, muss man's noch einmal schauen. Was ja kein Schade ist.

Die Bücher sind Variationen eines scheinbar unendlich flexiblen Bauplans. Sie verweigern sich der Chronologie und des schnöden Realitätsabgleichs, arbeiten mit allen denkbaren Möglichkeiten der Erzählstrangverschränkung. Was kein Kunsthandwerk ist und bisher niemals wirkte wie eine dramaturgische Masche. Das labyrinthische Erzählen dient dazu, auf kompaktem Format ein Höchstmaß an Emotion zu erreichen und gleichzeitig durch erzählerische Distanz herunterzukühlen. Ein Akt der handwerklichen Kitschvermeidung.

So lassen sich Menschenporträts formen, Geschichten vertiefen, wie es selten ist im Fernsehen. Thomas Kirchners Bücher sind ein schlagendes Argument, für Serien endlich auch in Deutschland die Position des Chefautors einzuführen. Würde manchem "Tatort"-Team beispielsweise zu unerwarteter Schlagkraft verhelfen.

 

5. Die Toten und ihre Mörder

Sie sollten, noch einmal sei's gesagt, sich nichts vornehmen. Im Spreewald funktioniert nämlich so einiges nicht. Dass man zum Beispiel an der Besetzung einer Nebenrolle erkennen kann, wer der Mörder ist. Das funktioniert schon deshalb nicht, weil es gern gar keinen rechten Mörder und eigentlich nicht eine Nebenrollen gibt im Spreewald.

Das war schon 2006 so, als sich Sebastian Blomberg und Anna Loos durch Krügers ersten Fall, "Das Geheimnis im Moor", gruben und in die DDR-Vergangenheit ihrer Figuren. Seitdem stakten Angela Winkler, Hinnerk Schönemann, Anne Ratte-Polle, Nadja Uhl, Henry Hübchen und jetzt eben Anna Maria Mühe durch den Wald. Menschen sah man da, keine Rollenerfüller.

Auch weil sie geführt von Regisseuren wie Sherry Horman im Fall der "Toten im Weiher", die sich auf Kirchners Konzept einlassen und seine Handschrift in ihrem Tempo, ihrer Temperatur, ihren Farben nachzeichnen. Und denen Kameraleute wie Martin Farkas, Holly Fink oder jetzt Armin Frenzen Bilder liefern, die nicht bloß abbilden, sondern Räume aufreißen.

Allein über den Lichteinfall auf Anna Maria Mühes Gesicht könnte man Essays verfassen. Oder über die Farben im Südstaaten-Drama "Mörderische Hitze" vom vergangenen Jahr, in dem Roeland Wiesnekker den besten Woyzeck spielte, den es jemals im deutschen Fernsehkrimi gab, eine Figur von geradezu monströser Eindringlichkeit.

Nehmen Sie sich also Zeit. Nehmen Sie sich nichts vor. Und legen Sie sich statt der nächsten Staffel irgendeines US-Imports den "Spreewaldkrimi" untern Baum. Gibt's beim ZDF.

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